Zum Weinen schön – Oswald Beaujean – Juni 2004 – from Opernwelt

Mai/Juni 2004

Zum Weinen schön

Romeo und Julia sind die berühmtesten

Liebenden der Weltliteratur:

Angela-Maria Blasi und Marcelo Alvarez

verkörpern das unglückliche Traumpaar.

Vor vier Jahren feierten sie in München mit Charles Gounods Faust einen Triumph: Angela-Maria Blasi als Marguerite und Marcelo Alvarez in der Titelpartie. Es war ihre erste Zusammenarbeit, und seither sind sie sich auf der Bühne nicht wieder begegnet. Aber sie kennen sich gut und sehen sich als „eingespieltes Team“. Im Gespräch mit den beiden Künstlern während der Proben für ihren zweiten gemeinsamen Auftritt – diesmal in Gounods Roméo et Juliette – wird rasch deutlich, dass das nicht übertrieben ist.

Blasi Es ist ein gutes Gefühl, nach vier Jahren wieder gemeinsam zu arbeiten.

Alvarez Was sich während der Faust-Produktion an Kollegialität und Freundschaft entwickelte, hat sicher einen guten Einfluss auf das neue Projekt.

Takt: Frau Blasi, für Sie ist die Juliette nicht neu.

Blasi Nein, aber sie liegt eine ganze Weile zurück. Ich habe sie 1987 in Washington gesungen, seitdem nie mehr. Und für Marcelo ist der Roméo ein Rollendebüt …

Alvarez … und schon etwas Besonderes. Roméo et Juliette fehlte mir als einzige der Opern, die Alfredo Kraus gesungen hat –HoffmannFaustManon oder Werther.

Blasi Natürlich singe ich die Partie jetzt anders. Ich bin ein bisschen älter und eine Stimme hat sich verändert. Inzwischen habe ich wesentlich dramatischere Partien wie Butterfly gesungen, gehe stimmlich also eher einen Schritt zurück und muss wieder ins Zentrum einer solchen lyrischen Partie finden. Aber zwischendurch tut das gut – das ist ja mein ursprüngliches Fach. Und auch mental entwickelt man einen anderen Blick auf das Stück. Inzwischen muss ich halt meine vierzehnjährige Tochter nachmachen. (lacht)

Alvarez Beide Rollen erfordern eine große Reife. Der Schluss der Oper ist sehr dramatisch und muss ganz intensiv gestaltet werden. Die Erfahrungen, die wir beide inzwischen gesammelt haben, helfen dabei.

Blasi Die Regisseure bevorzugen für solche Stücke ganz junge Sänger, weil das optisch ansprechend ist. Das Problem ist allerdings häufig, dass sie eingehen, weil sie der stimmlichen Herausforderung nicht gewachsen sind.

Wenn Sie Faust und Roméo et Juliette vergleichen, welcher Oper geben Sie den Vorzug?

Alvarez Ich habe Faust gerade wieder gesungen und glaube persönlich, dass Roméo et Juliette die größere Oper ist. In ihr lässt sich kein Wort, keine Note kürzen. Sie ist perfekt, musikalisch, aber auch was das Libretto angeht. Faust hat wunderschöne Arien, aber es gibt auch weniger Interessantes. In Roméo et Juliette ist jedes Detail wichtig für den dramatischen Zusammenhang.

Blasi Das Stück lebt von den herrlichen Duetten – eines schöner als das andere. Und sie entwickeln sich wunderbar vom Lyrischen zum Hochdramatischen.

Romeo und Julia sind das Liebespaar schlechthin, letztlich ein sehr idealisiertes. Ist es nicht schwer, damit szenisch umzugehen?

Blasi Die Musik hilft. Marcelo singt Dinge, die zum Weinen schön sind – das, was jede Frau von einem Mann hören möchte. Natürlich ist es das Ideal. Aber ich glaube, dass auch heute jeder davon träumt – auch wenn es die Leute vielleicht nicht zugeben.

Alvarez Homokis Regie zeigt sehr genau, wie Romeo ohne dieses Mädchen und die Liebe zu ihm nicht existieren kann – und umgekehrt. Das Schöne an dieser Liebe ist, dass sie völlig kompromisslos ist. Wir sollten uns von der Gesellschaft nichts vorschreiben lassen. Gounods Auffassung von der Liebe wäre auch heute ein Vorbild, aber bei uns klappt es meistens nicht(lacht). Wir schließen die Kompromisse und zahlen den Preis dafür.

Faust war ein großer Erfolg, beflügelt das, oder setzt Sie das unter Druck?

Blasi Der Druck ist nicht größer als sonst. Man hat uns wieder geholt, und das gibt uns schon das Gefühl, dass wir eine Art Erfolgsrezept sind.

Alvarez Unbedingt. Faust war ein ehrliches Produkt, geprägt von Professionalität, der Liebe zur Arbeit und dem Respekt vor dem Stück. Genauso ist es jetzt wieder.

Sie haben die Regiearbeit von Andreas Homoki eben schon angesprochen. Sie arbeiten zum ersten Mal mit ihm zusammen.

Alvarez Ja, aber für mich war Homokis Konzept von Anfang an überzeugend und voller guter Ideen.

Blasi Wir zwei kommen ja von der reiferen Seite und da tut es gut, dass Homoki uns in diese jugendliche Atmosphäre versetzt. Wir sind ja im Prinzip Schüler, vieles passiert auf dem Schulhof, wir spielen, es gibt Rivalitäten. So fängt es an, und ich finde, das macht Lust auf das Stück. Ich wollte wirklich nicht in mittelalterlichen Kleidern stecken.

Alvarez Es ist schön, wie aktuell Homoki das Thema angeht. Das sind doch die Probleme der heutigen Jugend: Konsumzwang, Frustration, Schwierigkeiten in der Familie, die Flucht aus der Realität in eine idealisierte Liebe und sogar in den Selbstmord. Das Stück ist Teil unserer Realität.

Blasi Gut ist auch der Einfall mit dem Liebesbrief auf dem Vorhang während des Vorspiels. Es ist ein Liebes- und Abschiedsbrief, der mittendrin abbricht, dort, wo Romeo der Stift aus der Hand gefallen ist im Moment des Todes – ein vorweggenommenes Ende.

Was tun Sie in München, wenn Sie nicht proben?

Blasi Weisswurst essen. (lacht) Andreas Homoki isst so gerne Weisswürste und will immer, dass ich mitkomme, aber ich mag die Dinger gar nicht.

Alvarez Das Traurige ist, dass ich kein Weissbier trinken darf – bin gerade auf Diät. Im Ernst: Ich komme auch deshalb gern nach München, weil ich weiss, dass das Publikum den Sängern ein Gefühl der Wärme vermittelt. Sänger brauchen das. Heute wird es immer schwieriger, Leute zu finden, die Andere einfach mal loben. Kritisieren ist viel einfacher.

Blasi Ich bin mehr oder weniger in München aufgewachsen. Wenn ich hier singe, treffe ich am Bühnenausgang jedes Mal 25 bis 30 Leute, die einfach da sind. Das ist immer wieder schön.

Gute Tenöre sind noch seltener als gute Soprane. Müssen Sie darauf achten, nicht zuviel zu singen?

Alvarez Tatsächlich fragen alle Theater der Welt an – ein Zeichen dass ich gut singe. Ich habe diese Gabe von Gott bekommen und irgendwann ist Schluss damit. Deshalb halte ich es für meine Aufgabe, in der ganzen Welt aufzutreten – rund 70 Mal im Jahr. Natürlich muss ich aufpassen, aber solange ich es kann, will ich diese Aufgabe mit aller Kraft erfüllen.

Blasi Der heutige Opernbetrieb mit seiner Schnellebigkeit verlangt den Sängern enorm viel ab. Aber es ist natürlich immer die Frage, welche Karriere man möchte. Will ich den Killeragenten, der mir zehn Jahre lang die Superkarriere organisiert, ohne Rücksicht auf das, was danach kommt? Oder möchte ich mein eigener Herr sein, mich nicht vom Markt kommandieren lassen und 25 Jahre lang singen, dann muss ich eher konservativ denken – so wie ich. Butterfly hat man mir vor zehn Jahren angeboten, ich habe abgelehnt. Tenöre haben es natürlich schwerer, weil es so wenige gibt und es eben schwer ist, nein zu sagen.

Wer entscheidet, was und wie oft Sie singen? Sie allein?

Alvarez Ich bin immer selber schuld, wenn ich eine Produktion annehme. Und wenn ich einmal aufhöre, wird das auch meine Entscheidung sein. Momentan akzeptieren es manche Theater, dass ich nicht einmal die Generalprobe singe, wenn ich nur komme. Das ist schon ein ziemlicher Druck. Aber es gibt keinen, der meine Grenzen besser kennt, als mich. Ich sage oft nein, aber irgendwann muss man Partien einfach ausprobieren. Deshalb werde ich auch Trovatore und Maskenball singen.

Blasi Man muss die Grenzen ausloten, sonst weiss man nicht, wo man steht. Natürlich muss man im Kopf realistisch bleiben und einschätzen, was geht.

Alvarez Singen ist wie Fitnessstudio. Da hebt man auch nicht das ganze Leben zehn Kilo, sondern irgendwann zwölf, dann fünfzehn. Ich mag es nicht, wenn mir die Leute ständig erklären, welches Repertoire ich singen soll. Früher haben die Sänger mit 18 angefangen, da musste man ihnen helfen. Heute beginnen Karrieren mit 35, und da ist die Stimme so reif, dass sie nicht bei jedem Repertoirewechsel kaputt geht. Auch wenn ich das Repertoire wechsele, tue ich das aus Respekt vor der Musik. Letztes Jahr habe ich mit Luisa Miller debütiert. Im Vorfeld musste ich immer wieder lesen, das könne ja nicht gut gehen, wäre nichts für meine Stimme usw. Ich war sehr erfolgreich, aber es hieß dann nur, trotz aller Befürchtungen hat er es geschafft. Oder die Leute kommen nachher und sagen, sie hätten ja gewusst, dass ich das schaffe, auch wenn sie vorher etwas ganz anderes gesagt haben. Die Leute sollten einfach mehr Vertrauen zu Sängern haben.

Das Gespräch führte Oswald Beaujean